Mein Arbeitsalltag im Sozialdorf Manas

Im Sozialdorf leben 15 Bewohner mit unterschiedlichsten Behinderungen oder Einschränkungen. Von einigen Bewohnern sind die Behinderungen nur leicht ausgeprägt, so dass wenn sie in Deutschland aufgewachsen wären, nicht unbedingt in einer Einrichtung leben würden. Unter der Woche arbeiten die meisten Bewohner in der Filzwerkstatt, in der typisch kirgisische Filzkissen genäht werden, eine, manchmal zwei helfen in der Küche und beim Putzen und wieder andere arbeiten vorwiegend in der Landwirtschaft mit. Dort ist im Gewächshaus, im Stall, bei den Schafen, Kühen, Kälbern, dem Esel, den Hühnern und Truthähnen immer etwas zu tun. Insgesamt können drei der Bewohner (Leyla, Asiret und Adil) nicht im Arbeitsalltag mitarbeiten. Hier ist es Pias und meine Aufgabe uns um sie, während alle anderen arbeiten, zu kümmern.

 

So sieht mein Arbeitsalltag aus:

Diese Woche hat mein Wecker um kurz vor sieben geklingelt. Mein Arbeitsalltag hat damit begonnen, dass ich Leyla beim Anziehen, Waschen und Frisieren geholfen, bis es dann ca. um 8 Uhr Frühstück gibt. Mit dieser Arbeit wechseln sich Pia und ich von Woche zu Woche ab, deshalb kann ich alle zwei Wochen etwas länger schlafen. Um 9 Uhr wird der Tag mit einem Morgenkreis begrüßt. Dort wird eine Kerze angezündet, Pia spielt etwas auf der Flöte, wir sprechen den Morgenspruch von Rudolf Steiner und singen vier Lieder: zwei auf Russisch, eins auf Kirgisisch und ein deutsches. Danach fängt für die Bewohner der Arbeitsalltag an.

Pia und ich lernen dann bis um 10 Uhr Russisch, entweder alleine oder zusammen mit der Leiterin des Sozialdorfes und ihrer Assistentin, die gleichzeitig Deutsch lernen.

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Sensomotorik mit Adil

Danach machen wir mit zwei Bewohnern sensomotorische Übungen und wickeln einen von ihnen gegebenenfalls. Was wir danach machen ist uns relativ frei überlassen und so gehen wir z.B. oft mit den RollstuhlfahrerInnen und einer anderen Bewohnerin spazieren, malen, spielen Dame, schreiben Nachrichten an Verwandte und Freunde, schauen Bilder an oder basteln etwas. Unsere Arbeit variiert natürlich auch sehr, je nachdem welche BewohnerInnen gerade da sind. Denn bisher waren noch nicht oft alle drei zu selben Zeit im Sozialdorf, denn Leyla ist öfters für längere Zeit bei ihrer Familie und Adil ist erst vor kurzem ins Sozialdof gekommen. Sofern Leyla jedoch da ist, betreue ich hauptsächlich sie. Und da wir uns gut verstehen, macht mir das auch sehr viel Spaß.

Um 11 Uhr mache ich mit Meerim Übungen für den Muskelaufbau, die vor allem für die Stärkung der Beine gut sind. Mit ihr mache ich zusätzlich noch zweimal täglich Übungen, damit sie sich während des Autofahrens nicht übergeben muss.

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Deutschunterricht: Vor allem am Anfang musste ich selbst einige Wörter nachschlagen

Ungefähr dreimal die Woche mache ich mit drei der BewohnerInnen Deutschunterricht. Sie können schon einige Worte und Sätze auf Deutsch, denn die Vorfreiwilligen haben mit ihnen Deutschunterricht gemacht und vier der Bewohner konnten letzten Herbst für vier Wochen nach Deutschland gehen, wovon sie noch oft sehr begeistert sprechen. Da sie sehr interessiert am Deutsch lernen sind, wird auch oft über den Tag hinweg gefragt, was dieses oder jenes Wort auf Deutsch heißt.

Um 13 Uhr gibt es Mittagessen und anschließend machen Pia und ich für eine Stunde Pause. Bei den Mahlzeiten helfe ich gegebenenfalls beim  Essen, denn zwei BewohnerInnen können nicht alleine essen.

Um vier Uhr gibt es dann wieder Kuchen und Tee. Danach gehen Pia und ich meistens raus und helfen dort etwas in der Landwirtschaft mit. Diese Arbeit haben wir uns ausgesucht, damit wir einen Ausgleich zu der ansonsten nicht allzu körperlich anstrengenden Arbeit haben. Im Moment sind wir dabei, eine Kräuterschnecke zu bauen, wobei wir oft von irgendjemandem Hilfe bekommen. Ansonsten steht ausmisten und Kühe Putzen auch immer auf dem Plan.

Vor dem Abendessen (das um sieben Uhr ist) werden die Kühe dann per Hand gemolken, wobei ich auch immer gerne helfe. Viel mehr als eine Kuh habe ich jedoch noch nicht geschafft, denn es ist doch recht anstrengend.

Nach dem Abendessen spielen wir ab und zu etwas mit den Bewohnern oder sie sitzen noch ein bisschen in unserem Zimmer und hören Musik oder unterhalten sich mit uns.

Da unser  Zimmer sich in dem Haupthaus befindet, sind wir sobald wir aus dem Zimmer gehen, mitten im Geschehen. Auf der einen Seite ist das sehr schön, andererseits kann es auch anstrengend sein, denn man hat wenig Privatsphäre. Öfters kommt nämlich einfach jemand in der Pause ohne zu klopfen ins Zimmer spaziert und die meisten scheinen sich dort auch echt wohl zu fühlen. Aber dafür fahren wir ja meistens über das Wochenende nach Bischkek um ein bisschen Abstand zu der Arbeit zu gewinnen.

Zusätzlich kommen immer mal wieder kleinere Arbeiten dazu. Diese Woche haben wir z.B. einigen Bewohnern die Haare rasiert, heute haben wir gekocht und seit heute gibt es ein neues massageähnliches Gerät, das wir morgens und abends jeweils für eine Stunde betreuen sollen, während die Bewohner es nutzen.

Insgesamt macht mir die Arbeit im Sozialdorf sehr viel Spaß, vor allem weil hier so nett Leute wohnen. Ein paar Dinge machen die Arbeit etwas schwieriger, wie z.B. das fehlende fließende Wasser, aber irgendwie klappt es dann doch immer, wenn auch manchmal etwas umständlicher. Eigentlich sollte es fließendes Wasser geben, da es hier eine Wasserzisterne gibt, aber bisher gab es nur einmal für zwei Stunden Wasser aus dem Wasserhahn im Badezimmer. Das ist jedoch keine Seltenheit, denn in den meisten Dörfern gibt es kein fließendes Wasser in den Häusern. Das Wasser wird dann an einem Brunnen im Dorf geholt oder wie bei uns mit einem Wasserfass aus dem nächsten Dorf. Auch die Wege sind hier alles andere als optimal um mit den Rollstühlen zu fahren, aber bisher gehen die RollstuhlfahrerInnen noch mit mir spazieren, auch wenn es für sie wahrscheinlich nicht immer allzu angenehm ist

Ich finde das Sozialdorf ist ein sehr schöner Ort in Kirgistan, in dem Menschen mit Behinderungen ihren Platz finden können und eine sinnvolle Beschäftigung haben. Das ist mir diese Woche nochmal bewusst geworden, als wir mit Marian (der letztes Jahr für drei

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Wiedersehensfreude zwischen Marian und Adil

Monate als Freiwilliger hier war) in Bellovodsk im Kinderheim waren. Ich wollte mir das anschauen, da einige der BewohnerInnen aus diesem Heim ins Sozialdorf gekommen sind. Unter anderem Adil, der dort bis vor drei Wochen gelebt hat (und Marian von letztem Jahr kennt) und Meerim, die dort  für über 10 Jahre war. Dort leben ca. 200 Kinder mit Behinderung zwischen 5 und 17 Jahren. Zuerst waren wir in den Gruppen, in denen die „liegenden“ Kinder (die nicht laufen können) waren und habe uns danach alle anderen Gruppen angeschaut. Vor allem in den Gruppen mit den Kindern die schwerere Behinderungen haben, gab es eindeutig Personalmangel und viele Kinder leben dort auf engem Raum zusammen. Außerdem haben die meisten ArbeiterInnen einen 24 Stunden Arbeitstag, was unvorstellbar anstrengend sein muss. Das Kinderheim in Belovodsk gilt als Vorzeige-Heim in Kirgistan, deshalb sind die Bedingungen in den anderen Heimen in Kirgistan wahrscheinlich kein Stück besser. Ich habe den Eindruck, dass die Kinder dort nicht zu Selbstständigkeit erzogen werden. So müssen Jugendliche, um die 16 Jahre, sich immer an den Händen halten, sobald sie aus dem Haus gehen. Die Kinder bekommen dort keine Schulbildung und Meerim hat mir erzählt, dass sie erst mit 15 Jahren etwas lesen, schreiben und rechnen beigebracht bekommen hat. Nur einfache Dinge wie Farben wurde ihr dort beigebracht. Dabei hat sie nur eine Fehlstellung an den Füßen und keine geistige Behinderung (und lernt z.B. im Deutschunterricht sehr schnell). Ich frage mich auch, wie die Kinder später gut zurechtkommen sollen, wenn sie nicht einmal grundlegende Bildung erfahren können. Was mit den Jugendlichen passiert wenn sie 18 Jahre alt werden ist eine weitere große Frage, denn die Bedingungen in den Heimen für Erwachsene sollen nochmal einiges drastischer sein und viele der Menschen mit starken Behinderungen sterben schon nach sehr kurzer Zeit. Ansonsten bleibt ihnen oft nur die Möglichkeit von einer winzigen Rente zu leben. Was für ein Glück die Bewohner haben, hier im Sozialdorf leben zu können wissen sie auch selber und so ist beispielsweise einer der Bewohner vor kurzem zu unserer Leiterin gegangen und hat sich mit Tränen in der Augen bedankt, dass er hier sein darf und nicht in ein staatliches Heim gehen musste.

Noch ein paar  Bilder von meinem letzten Wochenende. Am Samstag hat unserer Hausvater uns zum Schaschlik-Essen und reiten in die Berge mitgenommen und Sonntag habe ich eine Wandertour zu einem sehr schönen hochalpinen See gemacht.13016713_1115732931780365_1211853977_o

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Picknick mit sehr viel Schaschlik zu essen
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Pia beim reiten
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Wandertour am Sonntag

 

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Wochenende und Wandern im Boom Gorge

Wie schon erwähnt fahren Pia und ich gewöhnlich am Wochenende nach Bischkek und verbringen dort unsere freie Zeit. Seit vier Wochen wohnen wir dort zusammen mit Sarah und Sophie (ebenfalls Freiwillige aus Deutschland) und Abdullah und Hasan (zwei Studenten aus der Türkei) in einer gemütlichen Wohnung, die ziemlich zentral liegt und

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Der Manas- Epos wird aufgeführt

sogar einen wunderschönen Vorgarten hat, in dem im Moment alles blüht. Wenn wir nicht gerade einen Ausflug machen sind wir oft in einem der teilweise sehr gemütlichen Cafés und lernen z.B. russisch, denn es ist meist sehr günstig hier Essen zu gehen.Oft gehen wir auch durch die Stadt und durch Parks spazieren. Ansonsten unternehmen wir kleinere Dinge mit den anderen Freiwillligen oder unseren Mitbewohnern, wie z.B. auf einen der riesigen Basare oder in die Second-Hand -Shops, ins Kino (das Dschungelbuch auf Russisch), in ein Theaterstück von den Kindern aus Ümüd-Nadeschda oder einfach abends in eine Bar um dort gemütlich zu sitzen.

Dieses Wochenende haben wir beschlossen einen Ausflug zu machen und haben also recht kurzfristig eine Tour zum „Boom Gorge“ gebucht. Mit keinerlei großen Erwartungen bin ich dort also hin gefahren und wurde dafür umso positiver überrascht, als vor uns riesige rote Gesteinsformationen aufgetaucht sind.

 

Auf unserer Wanderung sind wir auf abwechslungsreich Wegen gelaufen/geklettert und kamen langsam immer weiter nach oben, bis wir schließlich einen unglaublichen Ausblick über die Canyons hatten. Die Landschaft ist dort wirklich atemberaubend, mit den Schneebedeckten Bergen im Hintergrund und in jeder Himmelsrichtung zeigt sich ein komplett anders Bild.

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Oben angekommen haben wir ein Picknick gemacht, bevor es dann an den Rückweg ging. Dort ist mir nochmal bewusst geworden wie vielseitig und schön die Natur ist: es gibt wirklich hohe Berge, Gletscher, Wasserfälle, Seen (z.B. den Issyk Kul, den zweitgrößten Alpinen See), heiße Quellen, Steppe, Canyons… und dabei hab ich das meiste noch gar nicht gesehen. Ich wundere mich jedenfalls, weshalb Kirgistan in Deutschland nicht als ein allgemein bekanntes Reiseziel gilt. Denn es gibt so viel zu sehen, die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und es ist vergleichsweise sehr günstig zu reisen.

Hier noch ein paar weitere Bilder von der Wanderung:

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